Zwischen Emotion und Konstruktion

shapeimage 2Walter Heidenreichs künstlerisches Werk ist der Konkreten Kunst zuzurechnen, einer Kunstrichtung also, die zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts das bisherige Kunstverständnis total umwandelte. Bis dato hatte die Kunst immer die Aufgabe, mimetisch die reale Welt darzustellen. Mit Beginn der Industrialisierung und des technischen Zeitalters, wollten die Künstlerinnen und Künstler teilhaben, an der Liberalisierung der bestehenden Gesellschaftsformen. Nicht mehr das kunsthandwerkliche Können stand im Vordergrund, sondern der kreative, schöpferische Ausdruckswille der Künstlerschaft. Das neue Medium Fotografie übernahm die Aufgabe der Wiederspiegelung der Natur und gab den Künstlern die Möglichkeit freier, schöpferischer Tätigkeit. Hatte die abstrakte Kunst noch einen direkten Bezug zu den realen Gegenständen, so konnte sich in einer Parallelbewegung aber bereits die Konkrete Kunst in Szene setzen. Sie hat keinerlei Bezug mehr zur Realität. Sie erhebt die Malerei als solche zur Bildaussage. Form, Textur, Farbe, Linien, Flächen und Proportionen werden zu Bildinhalten gemacht. Ein völlig neues Kunstverständnis verbreitete sich wie ein Lauffeuer über Europa. Malewitsch malte in Russland 1914 bereits sein "Schwarzes Quadrat auf weißem Grund", heute eine Ikone der klassischen Moderne. Seine Kollegen, die russischen Konstruktivisten, wollten ihre Bilder konstruieren wie die Architekten die Häuser, oder die Ingenieure die Maschinen. In diesem Kontext ist auch die Malerei von Walter Heidenreich zu sehen. Er hat in seinem Schaffen eine unverkennbare geometrische Formensprache entwickelt. Dabei kennzeichnet ein spielerischer und dennoch konsequenter Umgang mit den Proportionen sein Werk. Heidenreich will keine mathematischen oder naturwissenschaftlichen Themen illustrieren, sondern geometrische Flächen, Linien und Farben in einen kreativen Dialog bringen. Seine Bilder wirken wie konstruiert im klassischen Sinne, doch sie entstehen in der Regel durch experimentieren. Heidenreich schneidet geometrische Formen aus Karton und verschiebt diese auf der Bildfläche, bis sich für ihn eine stimmige Bildaussage ergibt.

Waren zu Anfang Kreise und Kurven seine bevorzugten geometrischen Elemente, so setzt er heute fast ausschließlich Dreieck, Rechteck und Quadrat ein. In einer neueren Werkgruppe arbeitet er zusätzlich mit Streifen, deren exakte Positionen er ebenfalls versuchsweise bestimmt. Was ausschaut wie ein Zufallswurf, ist Ausdruck experimentell geplanter Raum- und Proportionsaufteilung. Gezielt wird die Diagonale ins Bild gebracht, öffnet sie doch die Fläche bis fast hin zur Dreidimensionalität. Vorne wird hinten, hinten wird vorne. Durch Überlagerungen der Formen strukturiert er seine Bildflächen. Geplante optische Irritationen rütteln an unserer Wahrnehmungsfähigkeit. Auch seine Farbpalette entspricht in den Grundzügen der traditionellen Farbgebung der Konstruktivisten. Aber auch hier arbeitet er nicht epigonal den Vorbildern nach, sondern bringt eigene Farben ins Spiel. Er lässt sich dabei ebenfalls von seinen Emotionen leiten. In der Manier des "try and error" setzt er Farben solange nebeneinander, bis sie seinen Farbvorstellungen entsprechen. Dabei gibt er den starken leuchtenden Farben den Vorzug, die sowohl als Elementar-, aber auch als gemischte Farben in seinem Werk vorkommen. Wie viele seiner Kollegen zieht Heidenreich die glatte, anonyme Farbfläche vor. Dazu muß er auf weiß grundierten Leinwänden bis zu sechs Farbschichten auftragen, um zu dem gewünschten Ziel zu kommen. Ein eigener Pinselduktus ist dabei unerwünscht. Heidenreich ordnet seinen Formen bestimmte Farben zu, ohne dies jedoch zu einem Dogma werden zu lassen. Er benutzt alle bekannten Farbkontraste wie Komplementärkontraste, den Kalt-Warm-Kontrast, oder den Simultankontrast. Er bewegt sich im Farbkreis und setzt dies gezielt in seinen Werken ein. Zunehmend mehr wendet sich der Künstler der dreidimensionalen Gestaltung zu. Seine Skulpturen baut er auf den gleichen Prinzipien auf wie seine Malerei. Form und Farbe entsteht auch hier aus der Emotion und dem Experiment. Heidenreichs künstlerisches Schaffen, sein Form- und Farbvokabular hat seine Wurzeln in der traditionellen Form des Konstruktivismus. Wie aber bei vielen der jüngeren Generation dieser Kunstrichtung kommt bei ihm neben der rationalen Konstruktion auch noch die Ebene der emotionalen Farb- und Formfindung hinzu. Daraus erwächst das Werk von Walter Heidenreich und vermittelt seine Spannung an den Betrachter.

 

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Peter Volkwein
Museum für Konkrete Kunst Ingolstadt, November 1999